Bayerische Tage der Dorfkultur am 18. – 20.5.2001 in Iphofen
Bürgermeister Heinz Dorsch
Symposium "Heimat und Fremde" am 19. Mai 2001 in Hüttenheim
(Umsiedlung der Bonnländer nach Wässerndorf im Jahre 1938)
Wenn wir uns heute über "Heimat und Fremde" unterhalten, dann gibt es sicherlich sehr viele verschiedene Menschen, die durch die unterschiedlichsten Situationen heimatlos und dadurch fremd geworden waren.
In meinem Dialog geht es um Fremde, die wohl eine neue Heimat gefunden haben und sich diese unter Berücksichtigung gewisser Kriterien auch selbst aussuchen durften. So wurde es seinerzeit im Naziregime zumindest propagiert.
Als Bürgermeister der Gemeinde Markt Seinsheim obliegt mir heute die Aufgabe, über die Umsiedlung der Bonnländer Bürger im Jahre 1938 in die Ortschaft Wässerndorf mit Winkelhof zu berichten.
Bonnland ein kleines Dorf inmitten des Truppenübungsplatzes Hammelburg wurde schon in früher Geschichte für militärische Zwecke benutzt. Bereits im Jahre 1893 wurde der Truppenübungsplatz "Lager Hammelburg" eingerichtet. Für die Errichtung des Schießplatzes wurde fast die Hälfte des Ackerlandes dem Dorf entzogen. Somit begann schon in dieser Zeit die Abnahme der Bevölkerung. Nach Ende des 1. Weltkrieges wurden die militärischen Einrichtungen vernichtet und die abgetretenen Felder wieder an die Bauern zurück gegeben. Man hoffte, dass nun wieder Friede in Bonnland eingekehrt sei.
Dieser Schein trügte, denn nach kaum 15 Jahren, im Jahr 1935, begann der Aufbau der deutschen Wehrmacht. Schon wieder rollten schwere Panzerketten und motorisierte Artillerie und Infanterie durch das stille Dörflein. Der Pflug musste erneut den Kriegsmaschinen weichen. Im Ort selbst wurden Hauskämpfe ausgetragen, Panzer verschanzten sich in den Höfen und Infanteristen schossen mit Gewehren aus den Fenstern der Wohnhäuser. Die Menschen fühlten sich an den Rand gedrückt und mussten sich fragen, ob sie im Wege stehen.
Diese Frage wurde bald beantwortet. Es ging das Gerücht um, dass Bonnland mit seinen 280 Einwohnern und auch Hundsfeld geräumt bzw. umgesiedelt werden müssen. Die Einwohner wurden in eine bedrückende Unruhe versetzt. Die Bürgermeister wurden aktiv und wendeten sich an das Oberkommando des Heeres. Die Einwohner waren bestürzt, man wusste, dass man sein Haus, seinen Hof und die heimatliche Scholle verlassen muss. Die Ungewissheit, eine neue Existenz gründen zu müssen, eine neue Heimat suchen zu müssen, brachte Unmut und Unzufriedenheit. Jedoch der Aufbau der Wehrmacht und die damit verbundene Entwicklung ließen der Bevölkerung keine andere Wahl, als diese Opfer auf sich zu nehmen.
Vom System des Nationalsozialismus überzeugt waren Bürgermeister, Pfarrer und Lehrer Befürworter und brachten dies dementsprechend dem Großteil der Bevölkerung bei. Mit Wehmut und ohne Murren galt es nun für die Jungen, sich der Älteren, die lieber sterben wollten als die geliebte Heimat zu verlassen, liebevoll anzunehmen und sie über die Schwere hinweg zu bringen. Am 18. April 1937 fand eine Bürgerversammlung statt. Es wurde den Bürgern von offizieller Seite schonend beigebracht, dass das Dorf geräumt werden muss, eine Umsiedlung der Bewohner muss erfolgen, der Vorgang soll bemuttert werden. Unmut über den harten Eingriff in ihr Leben war deutlich zu hören. Ausdrücke wie: "Ihr könnt uns höchstens tot aus Bonnland hinaus bringen, aber nicht lebendig", ist verständlich. Als auch noch hinter den Kulissen laut wurde, dass Bonnländer Bauern in Mecklenburg angesiedelt werden sollten, gab es großen Wirbel.
Die klare Antwort: "Auf keinen Fall gehen wir aus Unterfranken raus" war deutlich. Von den Verantwortlichen wurden Güter in Unterfranken sowie die Gutshöfe in Wässerndorf und Gnötzheim angeboten. Eine Kommission von 4 Männern wurde beauftragt, mit der Reichsumsiedlungsgesellschaft eine Besichtigung der geeigneten Güter in Unterfranken vorzunehmen. Es war ein harter Kampf bis die Umsiedlung nach Wässerndorf und Gnötzheim entschieden war.
Die Planung für das neue Dorf mit Kirche und Schule wurde sofort begonnen. Nicht nur alle Landwirte, auch Freischaffende, Gewerbetreibende, Ruheständler, Pfarrer und Lehrer sollten hier wieder Heimat finden. Doch, es kam anders. Viele Familien distanzierten sich von diesem Plan und fanden in anderen Gegenden Unterfrankens und darüber hinaus ihre neue Wahlheimat. Auch 11 Bauernfamilien gingen andere Wege, so dass nur noch 16 Landwirte für die Umsiedlung nach Gnötzheim-Wässerndorf übrig blieben.
Diese Fehlentwicklung hatte zur Folge, dass das Gut Gnötzheim aus dem Siedlungsplan gestrichen wurde. Dafür wurde dann das kleine "Gut Winkelhof" für 5 Landwirte aufgeteilt und die Gebäude dementsprechend errichtet. Auf dem Gut Wässerndorf entstanden 12 weitere Bauernhöfe. Für diesen Zweck wurden das Schloss und die Gutshöfe Wässerndorf sowie Winkelhof dem damaligen Besitzer und Schlossherrn Johann dem II. von Schwarzenberg im Rahmen der Landbeschaffung für Wehrmachtszwecke weggenommen. Der Umzug nach Wässerndorf wurde auf den 1. April 1938 festgesetzt. Somit hörte die Gemeinde Bonnland auf, zu bestehen. Die neue Heimat Wässerndorf und Winkelhof brachte für die Umsiedler auch viele Vorteile.
Es konnten neu erbaute, moderne Höfe mit ihren Wirtschaftsgebäuden und Wohnhäusern bezogen werden. Die Felder wurden größtenteils um die einzelnen Höfe gelegt. Ein praktisches Wirtschaften mit großen Flächen war gegeben. Für die Kinder war die Umsiedlung etwas "Neues und Aufregendes", man war sich natürlich auch noch nicht bewusst, was Heimat bedeutet. Die Integration der Neuen fand mit allen Vor- und Nachteilen statt. Der Glaube spielte eine nicht unerhebliche Rolle. Wässerndorf war größtenteils katholisch, die Bonnländer waren evangelisch. Eine eigene Kirche war zwar vorgesehen, aber das Naziregime hatte damit nicht viel am Hut bzw. wollte dies eigentlich auch nicht.
So wurden Vereinbarungen getroffen, die evangelischen Christen durften ihre Gottesdienste in den kath. Kirchen Wässerndorf und Iffigheim abwechselnd abhalten. Dies geschah nicht immer reibungslos. Die plötzlichen Veränderungen und Umstellungen durch die neuen Bürger waren zu verarbeiten und vor allem zu akzeptieren. Ein Umdenkungsprozess fand statt. Plötzlich waren fremde Menschen da, belebten das Dorf und lebten im Dorf. Entscheidungen in der Gemeindepolitik waren anders zu gewichten, mussten teilweise aus einer anderen Sicht gesehen werden. Die gewohnte Umgebung wurde plötzlich auch von anderen beansprucht. Alles Gegebenheiten, die viel Zeit brauchen.
Die von "Natur gegebenen menschlichen Züge" wie Neid und Skepsis gegenüber den Neuen mussten überwunden werden. Die Unterschiede zwischen Ortskern und Siedlung waren unübersehbar. Das gegenseitige Abtasten wurde durch Misstrauen, unterschiedliche Charaktere, Mentalitäten und Anschauungen erschwert. Ein Entwicklungsprozess, der von allen Beteiligten Entgegenkommen und Verständnis verlangt.
Dies war damals genau so wie heute.
Im Laufe der Monate und mit Beginn des Krieges hat die Zeit so manche Wunden geheilt und dafür durch die Ereignisse des Krieges andere aufgerissen. Der Schmerz durch Verlust von Familienangehörigen hat alle Bewohner getroffen und gegenseitiges Mitgefühl ausgelöst. Dass nach den Wirren des Krieges das Zusammengehören schon selbstverständlich war, kann man an der politischen Entwicklung der Gemeinde sehen.
Der erste gewählte Bürgermeister nach dem Krieg war ein Bonnländer. Ihm folgte mit August Keßler wiederum ein Bonnländer, wobei selbst der 2. Bürgermeister ebenfalls aus Bonnland war. Dies setzte sich bis zur Gebietsreform 1978 und dem damit verbundenen Zusammenschluss zum Markt Seinsheim fort. Altbürgermeister August Keßler hat im Ruhestand zwei Chroniken geschrieben:
"Bonnland einst Perle des Bachgrundes", "Wässerndorf und seine Geschichte".
Ich hatte noch vor wenigen Jahren die Gelegenheit, des öfteren mit Altbürgermeister Keßler über die Vergangenheit zu sprechen. Man konnte bei diesen Unterhaltungen spüren: Er war Wässerndorfer mit Leib und Seele, aber die Heimat war Bonnland. Und so wird es vermutlich bei allen Bonnländern sein.
Seinsheim, im Mai 2001
Heinz Dorsch
Bürgermeister